Die Sterbekasse Stolpe von 1923

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1923 war ein Jahr der galoppierenden Teuerung und der politischen Unsicherheit. Die Besetzung des Ruhrgebiets durch Belgier und Franzosen, der Putsch-Versuch von Adolf Hitler in München, die hohen Reparationszahlungen nach dem verlorenen 1. Weltkrieg, in deren Verlauf immer mehr Geld gedruckt wurde, setzte die Bevölkerung unter sozialen Druck.

Eine Antwort darauf war in Stolpe wie anderorts die Gründung einer Unterstützungs-Sterbekasse. Am Sonntag den 4. Februar 1923 wurde im Gasthof Zum Pfeifenkopf eine Versammlung einberufen, zu der ca. 30 Personen erschienen waren. „Die Versammlung ist der Meinung, dass die Errichtung einer Sterbekasse unter den heutigen Teuerungsverhältnissen eine unumgängliche Notwendigkeit sei“, hieß es im Protokoll. Jedoch folgte die eigentliche Gründung erst eine Woche später, nachdem man von Haus zu Haus gegangen war, und 120 Familien ihren Beitritt durch Unterschrift erklärt hatten. Dann wurde ein Vorstand gewählt. Der erste Vorsitzende war Schuhmacher Hermann Holzmann, sein Vertreter Krämer Hermann Trede. Die Beitragsverpflichtung trat sofort in Kraft, die Verpflichtung der Kasse zur Unterstützung im Sterbefall am 15. Februar 1923 nachts um 12 Uhr. Interessant war die Beitragsstaffelung. Ein Vollhufner (Landwirt mit großem Hof) zahlte 150 Mark im Jahr, ein Halbhufner 100 M., ein in fester Beschäftigung stehender Arbeiter 75 M. und alle anderen „minderbemittelten“ Personen 25 M..

Im Laufe des Jahres 1923 galoppierte die Inflation von Monat zu Monat. Im November verfügte die Sterbekasse über 3 080 Milliarden Mark. Im Rahmen der Währungsreform von November 1923 waren diese 4,68 Goldmark wert.

Im Jahr 1924 gab es drei Sterbefälle. Für ein verstorbenes Kind erhielt die Familie 9 M., für einen Erwachsenen 20 bzw. 32 M. Man sieht hieran, dass die Unterstützungsleistung kontinuierlich angehoben wurde. Ab Ende 1925 gab es 50 M. pro Sterbefall, was sich im Jahr 1927 auf 60 M. und 1936 auf 80 M.  erhöhte. Die Sterbeliste, die Tischler Heinrich Rieken von 1924 bis 1972 führte, endete mit einer Unterstützungsleistung von 180 DM.

Am Samstag, den 26. Februar 1938 schwangen die Mitglieder der Sterbekasse das Tanzbein. Vom Amtsvorsteher war eine Erlaubnis ausgestellt worden für die Zeit von 20 Uhr bis 1 Uhr morgens. Diese Erlaubnis kostete 10 M.

Die Satzung wurde immer wieder erneuert. So  hieß es in den Richtlinien von 1950: „Diese Kasse ist ein Zusammenschluss der Einwohner zu Stolpe, welche bei Sterbefall sich gegenseitig geldlich unterstützen wollen um die öffentliche Fürsorge nicht in Anspruch zu nehmen.“ Nun staffelte sich die Aufnahmegebühr nach Alter: bis 30 Jahre 1 DM, 30 – 35 Jahre 2 DM, 35 – 40 Jahre 4 DM, 40 – 45 Jahre 8 DM und 45 – 50 Jahre 10 DM. Ältere Personen wurden nicht aufgenommen. Der monatliche Beitrag betrug für alle 0,20 DM, also 2,40 DM im Jahr. Diese Richtlinie von 1950 wurde unterschrieben von Gastwirt Heinrich Schlüter, Tischler Heinrich Riecken und Gastwirt Horst Lippert. Gleichzeitig musste ein Jahresbericht erstellt und spätestens 4 Wochen nach Ende des Geschäftsjahres dem Landrat in Plön vorgelegt werden.

Heute umfasst die Sterbekasse Stolpe immer noch 100 Mitglieder. 1993 löste Adolf Riecken Herbert Stölting im Vorsitz ab. Seit 2014 nun ist Jürgen Ziehmer neuer Vorsitzender der Sterbekasse Stolpe.

 

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