Euthanasie-Mord an zwei Brüdern

Johannes Wehde führte das Alten- und Pflegeheim Stolpe von ca. 1930 bis 1944. Seine Ehefrau Maria war schon 1936 gestorben.

Richard Wehde

Richard Wehde

Sie hatten drei Söhne Richard, Johannes und Hugo, sowie zwei Töchter Dora und Hertha. Richard wurde am 15.4.1905 in Wankendorf geboren. Er lernte gut in der Schule, war aber immer ein Außenseiter. Er wurde landwirtschaftliche Hilfskraft. Richard Wehde verbrachte 1927 und 1931 jeweils einige Tage in der Nervenklinik in Kiel, weil er sich immer mehr in sich zurückzog. Am 24.6.1931 wurde er von Kiel nach Neustadt/ Holstein in die Landesheilanstalt verlegt. Richard entwich von dort am 26.8.1931. Nach 4 Tagen tauchte er wieder bei den Eltern in Stolpe auf und wurde am 2.9.1931 vom Vater zurückgebracht. Er arbeitete in Neustadt vor allem im Garten. Er verblieb in der  Landesheilanstalt Neustadt bis zum 13.6.1941.

Johannes Wehde

Johannes Wehde

Sein Bruder Johannes wurde am 12.1.1909 geboren. Er erlernte den Beruf des Malers bei Malermeister Adolf Busdorff. Er wurde aus Liebeskummer gemütskrank. Am 27.2.1937 wurde er ebenfalls in die Landesheilanstalt Neustadt eingewiesen, nachdem er vorher drei Monate in der Nervenklinik Kiel untersucht worden war. Von dort wurde er am 9.2.1937 als erbkrank gemeldet. Als weitere Begründung wurde der Suizid einer Großtante angeführt. Am 25.6.1937 wurde Johannes Wehde in Neustadt auf Beschluss der Ärzte zwangssterilisiert. Auch Johannes verblieb in der Landesheilanstalt bis zum 13.6.1941

Beide Brüder Wehde wurden in ihrer Krankenakte als schizophren erklärt.

Richard und Johannes Wehde wurden am 14.6.1941 in die Landesheilanstalt Königslutter in Ostniedersachsen verlegt, wo sie bis zum 9.7.1941 verblieben.

Die letzten Tage

Die letzten Tage

 

In der Krankenakte steht, dass sie an diesem Tag in eine andere Anstalt verlegt wurden. Nachforschungen ergaben, dass dies die Tötungsanstalt in Bernburg (Sachsen-Anhalt) war, die für die Ermordung der psychisch Kranken u.a. aus Schleswig-Holstein zuständig war. Die Kranken wurden in einer Garage im Keller zum Aussteigen aufgefordert.

Skizze des Kellergeschosses Bernburg

Skizze des Kellergeschosses Bernburg

Zu Fuß wurden sie in die Gaskammer geführt. Hier wurden sie mit Kohlenmonoxid erstickt. Ihre Leichen verbrachte man nach Öffnen der Kammer zum Krematorium, wo sie sofort verbrannt wurden.

Gaskammer

Gaskammer

Die Urnen der beiden Brüder, die nach Angaben der Gedächtnisstätte Bernburg mit irgendeinem Aschegemisch befüllt waren, wurden Vater Johannes Wehde per Post zugestellt. Johannes Wehde musste die Urnen seiner Söhne Richard und Johannes mit dem Fahrrad bei der Poststelle Busdorff abholen. Der Totenschein für beide Brüder enthielt dasselbe Todesdatum zur selben Uhrzeit. Als Todesursache war Diphterie angegeben.

Tötungstrakt

Tötungstrakt Bernburg

Zur Beerdigung erhielt der jüngste Bruder Hugo Fronturlaub. Die ganze Familie kam zusammen. Die beiden Urnen wurden mit Kerzen und Blumen geschmückt aufgestellt, bevor sie im Familiengrab beigesetzt wurden. Das war der letzte Familienurlaub von Hugo Wehde, der am 23.1.1943 bei Leningrad, heute St. Petersburg, fiel.

Im Rahmen des Euthanasie-Programms T4 der Nationalsozialisten wurden aus der Landesheilanstalt Neustadt in den Jahren 1940 bis 1944 über 1000 hilflose Menschen in andere Anstalten wie Brandenburg und Bernburg verschleppt und ermordet. Nur wenige kehrten lebend zurück. Ein Mahnmal auf dem Klinikgelände in Neustadt gedenkt der Ermordeten.

Der Totenschein der Brüder Richard und Johannes Wehde ist leider nicht mehr vorhanden. Jedoch sind ihre Akten im Bundesarchiv in Berlin aufgehoben. Von dort hat man uns eine CD mit den Akten zwecks Erstellung der Stolper Chronik freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

captcha

Please enter the CAPTCHA text

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>